14.+ 16.05.05 LEVENTINA & MORE

Samstag 14. Mai

Strada Alta ist frei übersetzt die Hochstrasse im Sopraceneri von Airolo bis Biasca. Vorgesehen waren 3 Tage Wanderung von Airolo über Altanca, Osco nach Anzonico. Leider spielte uns der Wettergott übel mit. Wer meinte, nach dem Gotthardtunnel werden wir im sonnigen Tessin eintreffen wurde enttäuscht. Es regnete Bindfäden. So ein richtiger Nieselregen wie ihn die Landwirte gern haben weil dann das Wasser zeit hat ins Erdreich einzudringen. Aber beginne wir vorne, nämlich in Bern. Pünktlich wie Schweizer waren wir im Bahnhof Bern am Treffpunkt und begaben uns sogleich zum Bahnsteig. Auch die SBB glänzte mit typischer Schweizer Pünktlichkeit, kaum sassen alle als auch schon abgefahren wurde. Für mich ganz untypisch, die perfekte generalstabsmässige Organisation. Wir hatten fast eine Direktfahrt nach Luzern mit Halt in Zofingen. In Luzern angekommen begaben wir uns zum Zug in den Tessin und nutzten im Vorbeigehen die Gelegenheit im Minimigros einzukaufen. Im vordersten für uns reservierten Wagenabteil trafen wir dann auf Ursula Küpfer, die schon in Basel direkt einsteigen konnte. Damit stieg die Zahl der Ursulas auf 2, 3 Elisabeths waren ja schon dabei. Auf der Gotthardstrecke konnten wir den Stau vor dem Nordportal sehen, wobei das Nordportal ja noch weit weg war. Immerhin, die Leute begaben sich in den Stau um den Tessiner Regen zu geniessen. Auf dem Geleise gabs zum Glück keinen Stau, SBB Infrastruktur sei Dank.

In Airolo, 1141 m.ü.M. wurde ausgestiegen und es ging sofort ins Kaffee und für einige ins Coop um einzukaufen. Einige nahmen die Katastrophenausrüstung hervor, so z.B. wasserdichte atmungsaktive Hosen, Schirme, Ponchos, Rucksackplachen und weiteres mehr. Ich blieb bei meiner leichten Kleidung.

Um die Mittagszeit gings los, ein bisschen durch Airolo und danach auf einem Geissenpfad bergwärts. So richtig schmal, manchmal etwas steiler. Jetzt nur nicht das Gleichgewicht verlieren, man hätte ganz böse abrutschen können. Nach rund einer Stunde gabs Marschhalt. Isabelles Jacke erwies sich als gar nicht mehr wasserdicht. Ich schwitzte wie ein altes Dampfross und wurde von innen ebenso nass. Dabei hatte ich mit Ursula Küpfer doch trainiert. Die Aussicht war fast grossartig, etwa 100 m Sicht in die Wolkenwand, vom Tal war nichts zu sehen. Endlich Brugnasco, wir hatten bereits 240 Höhenmeter überwunden. Nun ging es fast ebenwegs bis zum Funicolare. Isabelle war bereits derat durchfroren, dass sie in Begleitung von Lie direkt nach Altanca durchstartete.

Eine junge nette Dame chauffierte uns zum Stausee Ritom, also bis in die Nähe. Es war eine Extrafahrt, also extra für uns weil die Eröffnung für später vorgesehen war. Was wir nicht wussten: Die Testfahrt hatte schon stattgefunden und nicht wir waren die Belastungsprobe. Sieht echt steil aus, die steilsten Streckenabschnitte haben 87% Steigung. 100% Steigung sind 45 0 . Und dann der Stausee. Fast leer. Wie füllen sie den wohl wieder auf? Das Kraftwerk liegt 640 m tiefer im Tal. Pro Quadratzentimeter sind das 64 kg Kraft, also 64 Bar. Man kann vermutlich noch einen Quadratzentimeter dagegen halten, 2 Quadratzentimeter verursachen dann bereits eine Kraft von 128 kg. Na ja, jetzt bin ich etwas technisch geworden, aber mangels Aussicht..!

Am anderen Ende der Staumauer gibt’s zwei Restaurants. Zwar noch als geschlossen angeschrieben. Das eine öffnete am Sonntag 15.5. aber man hatte Erbarmen mit uns. Man liess uns ein, wir bekamen warme Getränke und durften den mitgebrachten Picknick verzehren. So gestärkt gings auf den Rückweg. Elisabeth Liechti erweis sich als ausgezeichnete Pflanzenkennerin und zeigte uns alle die kleinen Pflänzchen die in Felsritzen gedeihen und blühen. Erstaunlich was man doch alles sehen kann. Dann die Talfahrt mit dem Funicolare (das ist im Fachjargon eine Standseilbahn). Wir wurden buchstäblich am Seil heruntergelassen. Es gab eine kleine Diskussion ob man auf den Druckwasserröhren vom Stausee zum Kraftwerk nach unten laufen kann wenn man sich genau auf die Röhrenmitte geben könnte. Geht nicht, bei 87% Gefälle reicht die Adhäsion der besten Schuhe nicht aus, auch wenn die Röhren trocken sind. Da würden nur noch Spidermans Haken und Saugnäpfe helfen. Er war aber vermutlich grad anders beschäftigt und konnte uns da nicht helfen.

Ein paar unentwegte Damen wollten nicht am Seil herabgelassen werden und nahmen den Fussweg nach Osco. Endlich die Mittelstation, rasch aussteigen und ab in die Pension. Ich fror erbärmlich. So knapp vor dem Zähneklappern. Immerhin hörte es endlich auf zu regnen und als wir bei der Pension ankamen gab es auch endlich den ersten Sonnenstrahl. Auch die Marschiererinnen kamen bald an. Massenlager mit 11 Betten und einem zweiten Vierbettzimmer. Ein solider und tief gelegener Dachbalken erwies sich auch gegen diverse Kopfstösse als sehr standfest. Sogar am Morgen danach hielt er das noch aus, obwohl die Nacht hindurch eine Säge am Werk war. Es gab sogar eine Dusche. Nun, einige duschten sich rasch und andere machten das dann am frühen Morgen. Ab etwa 6 Uhr gings los, sehr diskret und wie wenn Nümmerli verteilt worden wären. Perfekte Gruppendisziplin. Aber jetzt habe ich den Hirsch vergessen, den gabs zum Z’Nacht. Der Beizer hat ihn selber geschossen und La Signora bereitete uns ein exquisites Nachtessen daraus zu mit echter Tessiner Polenta. Vorher eine Tessinerplatte und als Nachspeise Tessiner Käse. Das ganze abgerundet mit Merlot. Das alles wurde uns mit sehr viel Tessiner Charme und Lobpreisungen verkauft. So viel habe ich schon lange nicht mehr getrunken, aber es gab keine Nebenwirkungen. Es geht eben nichts über ein echtes Naturprodukt. Die Hirsche seien manchmal in eine Entfernung etwa 200 m von der Pension aus gut sichtbar. Auf alle Fälle wurde soviel über Hirsche und Hirsche gesprochen, dass einige fast die ganze Nacht Hirsche sahen und entweder kaum schliefen oder davon träumten. Als Althirsch kann ich da natürlich nicht mithalten.

Sonntag 15. Mai

Frühstück um 9 Uhr, Abmarsch nach Osco um 10 Uhr. Klappte ausgezeichnet. Zuerst leicht, fast ebenwegs. Dann gab es doch den einen oder anderen Aufstieg und auf einer grossen Wiese mit Aussicht auf Berge rundum, den Flugplatz von Ambri, „Valascia“, Piotta etc. den Mittagspicknick. Müetti Cornelia (angeblich Jahrgang 1933) beschloss, die Ehe mit Gere (Jahrgang 1931) nach 50 Jahren Ehe annullieren zu lassen. Er sei aber ein sehr guter Ehemann gewesen, habe den Mistkübel rausgetragen, die Schuhe geputzt, gewaschen, das Geschirr immer gemacht und, und, und. Aber jetzt müsse ein junger Hirsch her, sie wolle noch mal etwas erleben. Die Flugbillete nach Mallorca seien schon bestellt. Wir amüsierten uns köstlich. Hat DIE Ideen, Sie sollte direkt als Drehbuchautorin beginnen.

Dann gab es einen wahnsinnigen steilen Abstieg durch einen wunderbar riechenden Wald. Fast senkrecht hinunter, so richtig über Stock und Stein. Die Nordic Walkingstöcke helfen da enorm, wie mir Rolf versicherte, auch im Süden. Über unseren Köpfen donnerte ein zweimotoriger Bomber aus dem 2. Weltkrieg hinweg. Mehrere Male. Da muss wohl irgendwo eine Flugschau gewesen sein. Er trug den USA Stern auf dem Flügel und hatte ein doppeltes Seitenleitwerk. Eine B24 Liberator konnte es nicht sein, die hat zwar dasselbe doppelte Seitenleitwerk, war aber viermotorig. Ich habe in meinen Bücher nachgeschaut, es war eine B25 Mitchell.

Ab Freggio ging es dann wieder bergauf. Der Weg schlängelt sich dem Hang entlang zwischen vielen terrassierten Wiesen hindurch. Absolut idyllische Lage, schöner Baum und Buschbestand, viele Blumen. Auf dem Kulminationspunkt konnten wir Osco erkennen. Hirsche haben wir den ganzen Tag hindurch nicht mehr gesehen. Also hinein in den Ort. Ein sehr bemerkenswertes Dorf. Es gibt eine ganze Menge herrschaftliche Häuser. Wie wir später erfuhren, waren das die Ferien- und Sommerhäuser der reichen Mailänder. Auf dem Friedhof gibt es viele sehr schöne Gräber. Die meisten hiessen Pedrini, Pedrinis, Capelli oder Romano. Man sehe im Telefonbuch nach, Pedrini und Pedrinis gibt es immer noch sehr viele. Aber das war nach der Ankunft in der Pension.

Es gibt 2er und 3er Zimmer, hat mehrere Duschen und WC’s. Also zum Nachtessen waren alle sauber. Ohrenkontrolle hat zwar niemand gemacht, gehen wir also mal davon aus. Was es zum Z’nacht gab weiss ich nicht mehr (Anm. der Redaktion: vorab Penne, hinten dran Caramel-Köpfli, dazwischen Kartoffelstock und „irgend so“ ein feiner Ragout. Wir gehen mal davon aus, dass der Ragout nicht im Zusammenhang steht mit den Kindern unten im Dorf, welche fieberhaft ihren Hund gesucht haben…). Aber es war schmackhaft, nicht zuviel Gemüse und ein netter Dessert. Wein wurde weniger getrunken und die meisten gingen früh ins Bett, denn für Montag waren über 3 Stunden Marsch nach Anzonico angesagt.

Irgendwo war noch einiges los, einige konnten nicht gut schlafen. Aber es war kein Hirschgeröhr. Bei meiner Matratze waren die Sprungfedern spürbar. Immerhin war keine gebrochen und es wurde nicht gestochen.

Montag 16. Mai

Frühstück um halb acht Uhr. Alle da. Der Regen auch wieder, Bindfäden. S’het gschifft und gschifft und gschifft, e richtigi Schifferei isch äs gsi (habe ich Massimo geklaut, äuwä de scho). Das Sonnengebrüll wurde wie schon am Samstag nicht gebraucht. Kurzerhand wurde beschlossen um 9 Uhr s’Poschi z’näh nach Faido und von dort mit dem Zug nach Hause zu fahren. Nochmals umsteigen in Zürich nach Bern oder Basel. So kamen alle halbwegs trocken und frühzeitig nach Hause, hoffe ich wenigstens. Ich war das erste mal bei Special-Events dabei und bedanke mich herzlich für die sehr gute Organisation, die gute Packliste, die humorvollen Einlagen und die trotz Regenwetter doch immer gute Stimmung.

Peter Naegeli